Im Gespräch mit Michael Niehage – »The Unleashed – Das Rock’n’Roll Magazin«

Das »Unleashed Magazin« ist mittlerweile eine feste Institution in der Rock’n’Roll Szene und hat sich mit seinen abwechslungsreichen und informativen Artikeln und Interviews etabliert. Grund genug einmal Michael Niehage - den Kopf des »Unleashed« auf die andere Seite der Interviewcouch zu holen und ihm ein paar Fragen zu ihm, »Unleashed« und dem Event »Doo Wop im Norden« zu stellen.

Michael Niehage

Unleashed Magazin

Nachdem das Flagschiff der Rock´n´Roll Szene gesunken ist wurde der Ruf nach einem Nachfolger laut. Und wir haben uns getraut, es gewagt, es getan....

The Unleashed Ausgabe 9

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Interview

rockin and rollin: Moin Michael, magst du dich einmal kurz vorstellen?

Michael Niehage: Uff, nicht so einfach. Ich bin in den 80ern vom Rock’n‘Roll, Rockabilly und Psychobilly eingefangen (oder wie Randy Richter es so nett sagte: “infiziert“) worden und bin seitdem „dabei.“ Seit ca. 10 Jahren bin ich für diverse Magazine unterwegs, angefangen mit Onlinedingern wie z.b. »Pitxplorer« und »Terrorverlag«, bis ich dann in den Print gerutscht bin. Da war »Kinkats« mein Sprungbrett zur »Dynamite«. Dort habe ich über 8 Jahre mitwirken dürfen.

rockin and rollin: Das »Dynamite« starb und das »Unleashed« wurde geboren. Eigentlich sehr einfach gesagt, aber so ganz war es ja nicht, denn das »Unleashed« sollte ja kein Nachfolger des »Dynamite« werden, sondern eine ganz neue und eigene Sache. Was war genau der Auslöser das »Unleashed« in Angriff zu nehmen und wie gestaltete sich der Start des Magazins?

Michael Niehage: Es gab mehrere Auslöser. Einer, der mir erst im Nachhinein klar geworden ist, war, dass der damalige Chefredakteur der »Dynamite« irgendwann (nachdem ich ein bisschen Kritik geübt hatte) meinte: “Wenn du alles besser weißt, dann mach es doch selber.“ Eine Herausforderung, der ich dann auch nachgehen wollte. Zudem fand ich es einfach schade, dass ein so wichtiges Magazin einfach weggebrochen oder wegrationalisiert wurde. Als wir das dann entschieden hatten, wussten wir aber auch noch nicht, auf was wir uns da einlassen. 😉 Man ist ja am Anfang immer etwas naiv.

rockin and rollin: Was sind die Schwerpunkte, Ziele und Zielgruppe des »Unleashed«?

Michael Niehage: Wir haben uns ganz dem Rock’n‘Roll verschrieben, natürlich mit kleinen Ausflügen in die Country, Swing, DooWop und Psychobilly-Szene. Im Grunde alles das, was mit „unserer“ Musik zu tun hat. Wir wollen und werden allerdings keine Abstecher in die Jazz oder Ska oder sonst was Abteilung machen. Auch wenn wir schon mal über den Tellerrand schauen, ist und bleibt das »Unleashed« ein Magazin, das sich und dem Rock’n’roll treu bleibt.

rockin and rollin: Immer wieder eine neue Ausgabe inhaltlich zu gestalten ist gar nicht so einfach. Es werden immer neue Ideen und Anregungen gebraucht. Auf welcher Basis setzt ihr die thematischen Eckpunkte einer Ausgabe?

Michael Niehage: Meist entstehen die Ideen während der Produktionsphase. Oft ist eine neue CD der ausschlaggebende Punkt sich mit einer Band genauer zu befassen. Oder auch, dass man ein bestimmtes Thema aussucht und dann schaut, was noch dazu passt. Vieles ist ja durch die wiederkehrenden Themen gegeben – so z. B. die DJ-Reihe, in der wir immer eine/n vorstellen und besonders deren Lieblingslieder besprechen. Oder auch unsere Pin Up Ecke und die neue Ladys Seite. Zudem ist der Kalender immer ein wichtiger Bestandteil. Wir versuchen da aber immer eine ausgewogene Mischung aus allen Bereichen zu haben. Das heißt, es gibt immer Interviews mit Rockabilly- oder auch Psychobilly-Bands. Und natürlich Berichte über diverse Veranstaltungen.

rockin and rollin: Teamplay, Ideen, Motivation und Spaß an der Sache sind wichtige Eckpfeiler für ein gutes Redaktionsteam, welches Hand in Hand arbeitet. Genau das habt ihr beim »Unleashed«. Ihr ergänzt euch sehr gut und ich denke, besonders die kreative Entstehungsphase einer Ausgabe ist unwahrscheinlich spaßig und voller Elan, bevor es dann an die arbeitsintensive Umsetzung geht. Wie habt ihr euch als Team »gefunden«?

Michael Niehage: So ein Team findet sich immer mal wieder neu. Am Anfang waren wir ein reines Kumpel-Team, also eigentlich eher Freunde, die sich daran machten was auf die Beine zu stellen. Mittlerweile sind aber Viele dazugekommenen (die übrigens ebenso zu Kumpels geworden und unglaublich wichtig für das Magazin sind). Andere wiederum haben das Projekt verlassen, aus privaten oder gesundheitlichen Gründen. Es ist eben immer viel Arbeit und manche unterschätzen das. Das Schöne ist, dass sich jede/r mit seinen/ihren Stärken einsetzt – so entstand ein Team, das sich sehr vielseitig ergänzt. Jede/r macht nach bestem Wissen und Gewissen das, was er/sie am besten kann, und man hilft sich gegenseitig. Das ist fantastisch und macht das Ganze bei jeder Ausgabe zu einem Event.
Im August haben wir eine Team-Party (und das auch gleich als Promotion-Party genutzt) und das wird irre spannend. Viele kennen sich nur vom Schreiben und ab dann sind wir auch „echte“ Gesichter.

rockin and rollin: Magst du uns einmal einen kleinen Einblick in eure Redaktionsarbeit geben?

Michael Niehage: Da wir alle in unserem Hauptberuf in Lohn und Brot stehen, geschieht alles, was wir machen, in der spärlichen Freizeit. Da heißt es dann genau planen und koordinieren. Besonders für diejenigen, die auch Familie haben. Im Grunde sind wir ständig im Gespräch und halten uns alle irgendwie auf dem Laufenden und bewerfen uns mit neuen Ideen. Diese werden dann nach und nach umgesetzt und realisiert. Einen geordneten Alltag gibt es da kaum. Man macht das eben, wenn die Zeit passt. Gerade zum Ende wird es dann extrem hektisch und stressig, weil man ja auch Deadline einhalten will. Dann laufen alle auf Hochtouren. Wenn dann alles steht und das Heft in den Druck geht, atmen alle einmal durch und schon geht es wieder von vorn los. Ein ewiger Kreislauf 😉

rockin and rollin: Viele Leser haben nur wenig Vorstellung wie die Umsetzung eines Printmagazin abläuft. Es gibt Deadlines, Koordinationen zwischen Redakteuren, Grafikern, Layoutern und die Beschaffung von passendem Material und deren Abdruckgenehmigungen. Dazu kommt die Korrektur und Layoutphase und am Ende der Druck und letzte Korrektur anhand des Vorabexemplares. Nur um die Spitze des Eisberges einmal kurz aufzuzeichnen. Jede Ausgabe eine organisatorische Glanzleistung und jedes Mal die innerliche Frage, wie kommt das Ergebnis bei den Lesern an. Was reizt dich an der Umsetzung und wie behältst du den Überblick während der Entstehungsphase?

Michael Niehage: Da spricht jemand aus Erfahrung; es ist wirklich ein unglaublicher Aufwand, der immer betrieben wird. Besonders das „Wie kommt es an?“ ist immer eine große Zitterpartie, auch wenn wir selbst von unserem Werk begeistert sind. Es muss ja auch den Leser/inne/n gefallen, auf die kommt es schließlich an. Und wenn man dann ein Lob bekommt, sind aller Stress und aller Ärger, der im Vorfeld war, wieder vergessen. Ich muss gestehen, dass ich auch nicht immer alles komplett im Blick habe – manchmal passiert es, dass ich etwas vergesse oder eine Deadline selber nicht einhalte. Aber wir sind dabei uns immer zu verbessern und organisieren es immer flüssiger. Auch die kleinen Kinderkrankheiten werden immer weniger.

rockin and rollin: Wenn jetzt jemand sagt, »hmm, also ich hätte auch Lust bei »Unleashed« mitzumachen«, sucht ihr eigentlich noch Leute und wenn ja in welchen Bereichen und was sollten sie mitbringen?

Michael Niehage: Interesse, Lust und natürlich auch ein Quäntchen Erfahrung. Das Arbeiten an einem Magazin erfordert viel Eigenverantwortung und Motivation. Es gibt etliche, die gern mitmachen würden, dann aber daran scheitern, dass es doch mehr Arbeit ist, als man denkt. Und dass es nicht immer nur Spaß ist, das muss man sich eben bewusstmachen. Grundsätzlich sind wir immer froh, wenn sich jemand einbringen möchte. Selbst kleine Aufgaben sind hilfreich.

rockin and rollin: Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit mit Handys, Tabletts, kurze Infowege usw. sind da Szene-Printmagazine eigentlich noch »up-to-date«?

Michael Niehage: Eine sehr gute Frage. Ich habe schon oft gehört, dass „Print“ stirbt und es wäre doch ziemlich doof, sowas zu machen. Kann sein – aber ich denke, dass es auch Viele gibt, die gern mal was „Echtes“ in der Hand halten. Und genauso wie immer noch Bücher verkauft werden, wird auch das „Heft“ weiter existieren. Ich weiß, dass ein Online-Magazin viel schneller auf aktuelle Themen zurückgreifen und auch viel schneller reagieren kann. Oft sind unsere Berichte (gegenüber dem Online-Zines) auch etwas überholt. Deswegen haben wir uns auch vermehrt auf Interviews eingeschossen. Die sind zeitloser. Komischerweise lesen uns viele auf dem Klo, und da gehört einfach ein Print hin. 🙂

rockin and rollin: Michael, aus der Grundlage des »Unleashed« ist auch die Veranstaltung »Doo Wop im Norden« entstanden. Die Basis dazu war ja, dass es erst hieß, »Doo Wop im Pott« wird nicht mehr stattfinden. Stand für euch sogleich fest, so ein »Doo Wop Event« darf einfach nicht sterben und wir holen es in den Norden, oder wie kam es zu der Idee zu dem Event »Doo Wop im Norden«?

Michael Niehage: Es war so, dass der damalige Veranstalter des DooWop im Pott sich an uns gewandt hat und die ganze Sache im Norden aufziehen wollte. Wir waren erst nur „schmückendes Beiwerk“ und für die Promotion gedacht. Dann wurden wir gefragt, ob wir die Veranstaltung nicht übernehmen wollten. Also offiziell als Magazin, da wir ja auch ein Gewerbe haben und keine „Privatpersonen“ sind. Leider gestaltete sich die Zusammenarbeit als sehr schwierig und am Ende standen wir mit einem Mal alleine da – und mussten nun diese Veranstaltung irgendwie auf die Beine stellen. Das haben wir geschafft. Natürlich waren wir auch der Meinung, dass so ein Event nicht einfach sterben darf, doch das war im Grunde nie der Fall, da die Vorbereitungen für Hamburg bzw. den Norden schon längst liefen. Auch schon, bevor “DooWop im Pott“ für tot erklärt wurde.

rockin and rollin: Nun wird »Doo Wop im Pott« ja doch weitergeführt, wird parallel dazu das »Doo Wop im Norden« dauerhaft bleiben?

Michael Niehage: Die eigentlichen Veranstalter von “DooWop im Pott“ sind ja Jenny und Thomas vom Piano in Dortmund. Die wussten von der Veranstaltung im Norden gar nichts und waren etwas erschrocken, als sie erfahren haben, dass „ihre“ Nummer direkt vor unserer stattfindet. Zum Glück haben wir uns gut verstanden und darüber nachgedacht, dass man nächstes Mal die Termine besser abgleicht. Was erst wie eine Gegenveranstaltung oder eine Boykott-Veranstaltung wirkte, war dann wohl anscheinend einfach ein Versehen. Leider haben Viele es aber so gesehen und ich denke, dass es einen Riss zwischen dem Pott und dem Norden gegeben hat. Was ziemlich dusselig ist, da wir alle nur eins wollen – eine gute Show abgeben. Das nun beide Veranstaltungen so dicht hintereinander sind, ist sicher nicht perfekt, aber daran kann man ja arbeiten.

rockin and rollin: Ich war ja schon letztes Jahr beim ersten »Doo Wop im Norden« und von der ganzen Umsetzung, Bands, Location und Stimmung sehr begeistert und freue mich schon auf den 30. September zum zweiten »Doo Wop im Norden«. Für alle, die bisher noch unsicher waren, ob sie dahin gehen oder die Veranstaltung bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten, was erwartet einen auf dem zweiten »Doo Wop im Norden«?

Michael Niehage: Wie auch im letzten Jahr hat uns der DooWop Fluch wieder ereilt. Letztes Jahr haben ja die Bobcats ein paar Tage vorher abgesagt und wir mussten schnell Ersatz finden. Auch in diesem Jahr gibt es wieder Schwierigkeiten. So ein Event erfordert genaue Planung, wie viele Zimmer, wie viele Flüge, was für Instrumente müssen wir irgendwie besorgen und so weiter. Da sind wir auch darauf angewiesen, dass die Bands mit den nötigen Infos rüberkommen, damit wir das dann irgendwie stemmen. Da aber viele der Bands aus z.B. Spanien kommen, ist oft schon das Kommunizieren schwierig. Zwar können alle englisch aber trotzdem gibt es immer mal wieder Missverständnisse. Die »Del-Prince« werden dieses Mal leider nicht dabei sein. Also müssen wir dringend an einem Ersatz arbeiten. Und das dann auch noch passend und mit der nötigen spielerischen Qualität. Aber das bekommen wir definitiv hin.
Durch den Hickhack mit dem Pott sind natürlich auch viele verunsichert – sind das zwei eigenständige Sachen? Wer ist wo, wer ist verantwortlich etc etc. Ich kann nur versichern das es auch dieses mal wieder großartig wird. Dass wieder hochkarätige Bands kommen und die Stimmung, wie schon im letzten Jahr bombastisch wird.

rockin and rollin: Michael, kommen wir noch einmal auf das »Unleashed« zurück, ein kleiner Ausblick deinerseits auf zukünftige Themen und vielleicht schon inhaltlich auf die nächste Ausgabe?

Michael Niehage: Wir werden einen Bericht über die Entstehung des Hot Rod haben, der sicher Vieles beinhaltet, was man so noch nicht wusste. Auch sind wir gerade mit dem Kollegen Doyle im Gespräch und haben Fragen gestellt, die sich noch keiner traute zu fragen. Doyle war in den frühen Jahren der Bassist von den »Klingonz« und ist nun mit den »Guitar Slingers« unterwegs. Zudem ist er der Mann hinter »Diabolo Records«. Dann haben wir auch lange mit den »Hellabama Honky Tonks« gesprochen und Leadsänger Goldi auf den Zahn gefühlt. Als besonderes Event haben wir mal das Jodeln im Country und im Rockabilly durchleuchtet – selbst Brian Setzer konnte sich ja des Jodelns nicht erwehren. Dazu natürlich Einblicke in den Walldorf Weekender und Setzer in Leipzig. Also wieder Vieles, was lesenswert ist. 🙂

rockin and rollin: Michael, ich danke dir sehr für das Gespräch.

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