{"id":8848,"date":"2017-02-11T21:13:46","date_gmt":"2017-02-11T20:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/?p=8848"},"modified":"2017-12-13T20:46:28","modified_gmt":"2017-12-13T19:46:28","slug":"der-wahre-johnny-enzo-asui","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/der-wahre-johnny-enzo-asui\/","title":{"rendered":"Der wahre Johnny (Enzo Asui)"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-8848\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-8848-0\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-8848-0-0\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div id=\"panel-8848-0-0-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p align=\"justify\">\u00bbNimm den M\u00fcll mit.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni wollte aufbrausen, unterlie\u00df es aber angesichts des monotonen Tonfalls seiner Mutter. Ihre Alles-Egal-Stimmung vermieste jeden Spa\u00df am Widerspruch. Die, die niemals lacht, hatte Johnny sie einmal genannt. Dem Krieg konnte sie nicht verzeihen, dass er seinen Vater in seinen blutigen Rachen gesogen hatte. Den Russen auch nicht. Dem F\u00fchrer schon.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Widerwillig ergriff Arni die nach Nikotin und benutzten Kondomen stinkende Plastikt\u00fcte und warf sie beim Hinausgehen in die Blechtonne neben der Treppe, die in ihre muffige Eineinhalb-Zimmer-Bleibe im Souterrain f\u00fchrte. Befreit atmete er durch, als er den B\u00fcrgersteig betrat.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die H\u00e4nde in den Taschen humpelte Arni die Fuhle entlang. H\u00fcte tragende Spie\u00dfer mit Anzug und Aktentasche ignorierten bettelnde Kriegsversehrte auf dem Trottoir. Als ob sich diese Stadt nicht zwischen Elend und Wirtschaftswunder entscheiden konnte. Dazwischen hastende Frauen mit quengelnden Kindern an der Hand. Arni hielt nicht viel von Fr\u00f6mmigkeit und mied die Kirche wie der Teufel das Weihwasser, aber die verbreiteten Hektik, die hatten die Bedeutung eines Sonntags \u00fcberhaupt nicht kapiert.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni n\u00e4herte sich dem Wiesendamm. Der Aufschwung hatte eine weitere Baus\u00fcnde in den Stadtteil gepflanzt; der neu er\u00f6ffnete Konsumtempel stieg wie ein klobiger Ph\u00f6nix aus den Backsteinbauten. Die Prospekte hatten Arni ahnen lassen, dass er nicht zur Zielgruppe der Angebote geh\u00f6rte, und der Blick in die Schaufenster best\u00e4tigte seine Vermutung: Auf den Lederjacken in der Auslage prangten Preise, die er sich wohl niemals w\u00fcrde leisten k\u00f6nnen. Obwohl das Kaufhaus geschlossen hatte, berieselten Lautsprecher neben dem Eingang die wehrlosen Passanten mit Heile-Welt-Geschichten von kommenden Schiffen und wei\u00dfen Rosen aus Athen. Opium auf die Ohren. Nicht sein Ding. \u00dcberhaupt nicht.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ein aufgemotzter Opel Kadett schnitt hupend die Kurve, als er in den Wiesendamm bog. Der Abrieb der quietschenden Reifen markierte den Asphalt wie eine schmutzige Narbe. Frankie, erkannte Arni trotz des Tempos, mit dem die Karosse ihn passierte. Der einzige von ihnen, der sich so eine Karre leisten konnte. Die obligatorische Zichte hing in Frankies linkem Mundwinkel. Neu war die Braut an seiner Seite. Arni korrigierte. Nicht die Braut war neu, nur ihre Haarfarbe. Manu. Blondiert. Fast nicht erkannt. Hatte sich also f\u00fcr Frankie entschieden. Nun denn. Arni hatte sich ohnehin nicht viel bei ihr ausgerechnet.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ralph, den alle nur Chuck nannten, obwohl er trommelte, wartete an der Ecke zur Saarlandstra\u00dfe. Den Spitznamen verdankte er seiner dunklen Hautfarbe. Sichtbar halbamerikanisches Soldatenkind. Mutter untreu. Vater unbekannt.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbHi Arni!\u00ab Chuck reckte ihm seine bratpfannengro\u00dfe Pranke entgegen. Eigentlich br\u00e4uchte der keine Sticks, dachte Arni; reichte locker, wenn Chuck die Drums mit seinen Handballen und Kn\u00f6cheln bearbeitete. Was er manchmal sogar tat, wenn er genug getankt hatte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbHi Chuck!\u00ab Arni klatschte ab. \u00bbWe are ugly \u2026\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bb\u2026 but we have the music\u00ab, erg\u00e4nzte Chuck grinsend ihre Parole, die immerhin mit der ersten H\u00e4lfte die Realit\u00e4t traf. Wenn man Johnny au\u00dfen vor lie\u00df.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbDie anderen haben letzte Woche signalisiert, dass sie kommen. Wei\u00dft du, ob Johnny dabei ist?\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbDenke schon. Hab\u2019 ihn aber seit gestern nicht gesehen. Rei\u00dft wieder mal \u2019ne Schicht.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni nickte. Johnny jobbte fast jeden Sonntagmorgen im Hafen. Anstrengend und gef\u00e4hrlich, aber gut bezahlt. Johnny wusste, wof\u00fcr er das auf sich nahm. Arni k\u00f6nnte das nicht mit seinem halbsteifen Bein, das er von Geburt an mit sich rumschleppte. Er musste auf anderen Wegen zu Geld kommen, um das Mischpult finanzieren zu k\u00f6nnen, das sie dringend ben\u00f6tigten.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schlie\u00dflich wollte auch er seinen Beitrag zu den Hamberrys leisten. Die Parts f\u00fcr Gitarre, Bass, Schlagzeug, Piano und Gesang hatten Johnny, Bodo, Chuck, Manu und Tine besetzt. Arnie konnte gut mit seiner Zuarbeiter-Rolle leben, auch wenn er selbst mal dazu angesetzt hatte, die Gitarre zu \u00fcbernehmen. Bis Johnny kam.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die warme Maisonne hatte viele Menschen in den Park gelockt. Flanierende Liebespaare versteckten ihre K\u00fcsse z\u00fcchtig-verspielt hinter vorgehaltenen H\u00fcten. Auf der Wiese vor dem Planetarium eiferten schnittige Mittzwanziger mehr laut- als laufstark den Helden von Bern nach. Oder den Kickern vom HSV, der gerade den Pokal gewonnen hatte, wie Johnny aufgeschnappt hatte. Fu\u00dfball interessierte ihn nicht die Bohne.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tine, Bodo und Johnny hatten sich im Schatten des alten Baums ausgestreckt. Ihr sonnt\u00e4glicher Treffpunkt, seit der Bonze sie aus dem verwaisten Keller seiner alten Fabrik rausgeworfen hatte. Hottentottenmusik, und dann noch ein Halbneger, das k\u00f6nne er nicht dulden. Bodo hatte dem Altnazi mit seinen F\u00e4usten die passende Antwort gegeben. Brachte ihm drei Monate im Bau und den Raum auch nicht zur\u00fcck. Wurde Zeit, dass sie einen neuen \u00dcbungsort fanden. Tines Job, aber die kam nicht in die G\u00e4nge.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kein Grund, auf die Treffen zu verzichten. Und was lag n\u00e4her als Rumh\u00e4ngen im Park?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Frankie und Manu schlenderten heran. Hatten sich Zeit gelassen, dachte Arnie; wahrscheinlich die Gelegenheit genutzt und die R\u00fcckbank von Frankies Karre mit \u2019nem Quickie strapaziert.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bodo aktivierte seinen Ghettoblaster. AFN, nat\u00fcrlich. Nach Werbung und Patrioten-Gelaber schepperte Rock\u2019n Roll aus den Lautsprechern. Jerry Lee Lewis zelebrierte Great Balls of Fire.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ein Klassiker. Arnis Laune stieg. Zumal dieses Mal Frankie die Flasche spendierte, und der konnte sich Qualit\u00e4t leisten. Echten Kentucky-Whisky, nicht den \u00fcblichen Selbstgebrannten von Bodo und Chuck. Chuck lie\u00df einen \u00fcppigen Schwall in seinen aufgerissenen Rachen glucksen und schluckte das scharfe Zeug hinunter, ohne eine Miene zu verziehen. Das hatte er echt drauf. Auch Arni langte zu. Der Stoff trug seinen Teil dazu bei, dass er entspannte. Das tat er immer.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gem\u00fctlich schlenderten die Minuten in Richtung D\u00e4mmerung. W\u00e4hrend sich die Wiese nach und nach ihrer kickenden Besatzung entledigte und die Turteltauben nach Hause abzogen, um die Familienplanung zu forcieren, warteten sie auf ihren Song. Den brachte AFN jeden Sonntag, zwischen sechs und acht, und auf AFN war auch an diesem Tag Verlass. Arni erkannte das Intro, das Johnny so genial spielen konnte, schon am ersten Ton. Ihm schlich jedes Mal eine G\u00e4nsehaut \u00fcber den R\u00fccken, wenn das Lied \u00fcber den \u00c4ther donnerte. Oder aus Johnnys Gitarre.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Manu drehte auf. \u00bbDuckwalk, Johnny!\u00ab, forderte sie. Johnny lie\u00df sich nicht lange bitten. Kein m\u00e4nnliches Wesen, das bei Verstand war, z\u00f6gerte, wenn Manu etwas von ihm wollte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny lie\u00df sich in eine halbe Hockstellung nieder. Begleitet vom rhythmischen Klatschen seines Publikums h\u00fcpfte er auf dem angewinkelten linken Bein langsam vorw\u00e4rts, streckte das rechte nach vorne aus und schwang das Schienbein in der Luft auf und ab. Johnny traf jeden Takt.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni lehnte sich zur\u00fcck. F\u00fcr diese Momente lebte er. Rumh\u00e4ngen mit den Hamberrys. Alkohol in den Adern. Unter sich Gras, das nach Fr\u00fchling roch. In den Ohren dieser Song. So f\u00fchlte sich Heimat an. Ein Refugium.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mit Johnny, der \u00fcber den Rasen rockte.<\/p>\n<p align=\"justify\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kein Pfennig f\u00fcr den Troubadour, beschloss Arni und ignorierte den ausgelegten Hut, in dem nur wenige M\u00fcnzen klimperten. Verdienterma\u00dfen. Gute Musik ging anders. Das gen\u00e4selte \u00bbBlowing in the Wind\u00ab des Dilettanten litt nicht nur unter der verstimmten D-Seite.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni mochte Folk Music nicht, diese pseudorebellischen Songs gelangweilter Upperclass-Kids. Kein Vergleich mit Rock\u2019n Roll. Der riss mit. Zielte in den Magen. Nicht auf den Kopf.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sie passierten den Hafen. Barkassen tanzten auf den Schwallwellen \u00fcberf\u00fcllter F\u00e4hren. Der Troubadour wechselte zu \u00bbThe Times they are a\u2019changing\u00ab, und Arni floh, genervt von Nuschelt\u00f6nen und gedrechselten Reimen, in die \u00e4u\u00dferste Ecke des Waggons. Selbst die herabh\u00e4ngenden Halteschlaufen baumelten im Takt der Kurven und Weichen rhythmischer als der Dylan-Verschnitt in die Saiten schlug.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Neben Arni federten zwei Peggy-Sue-Typen in Richtung Wagendecke, die blonden Haare in zwei seitlichen Z\u00f6pfen geb\u00e4ndigt und riesige Chewing-Gum-Blasen vor dem knallrot geschminkten Mund. Knapp erwischten sie die anvisierten freien Plastikringe. Ihr erstes Mal, erkannte Arni fachm\u00e4nnisch an ihren spitzen Triumphschreien. Initiationsritual erfolgreich absolviert. Nun geh\u00f6rten sie zu den Gro\u00dfen. Die d\u00fcrren M\u00e4dchenk\u00f6rper baumelten zwischen Zehenspitzen und Halteschlaufen wie auf der Streckbank in einem Folterkeller.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Stunde sp\u00e4ter starrte Arni ersch\u00f6pft auf sein Gegen\u00fcber. Da hockte dieser Mensch hinter seinem wuchtigen Eichentisch wie ein verschrumpelter Apfelbaum und musterte seine Testergebnisse mit einem Gesichtsausdruck, als sezierte er eine Laborratte. Das frustrierte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Doktor Wortmann blickte hoch und fixierte ihn durch sein Monokel.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbWir haben Gl\u00fcck: Du leidest unter einer ausgepr\u00e4gten Rechenschw\u00e4che.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni ballte seine F\u00e4uste. Der Typ hatte das Feingef\u00fchl eines Presslufthammers. Dass er sich schon am kleinen Einmaleins die Z\u00e4hne ausbiss, bescheinigte ihm die Zensur unter jeder Mathearbeit, die er geschrieben hatte, seit er den Sandkasten hinter sich gelassen hatte. F\u00fcr diese Erkenntnis ben\u00f6tigte er keinen Wei\u00dfkittel. Er fand keinen Zugang zu diesen abstrakten Symbolen und Strichen. Sah keinen Sinn in der Welt der Zahlen und Kurven. Keinen Rhythmus. Keine Melodie. Keine Logik.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni fragte sich, ob es richtig war, f\u00fcr l\u00e4ppische zehn Schleifen plus Fahrgeld bei diesem Seelenklempner vorzutanzen, um sich dann vorf\u00fchren zu lassen. Aber er brauchte die Kohle. \u00bbIm Klartext: Ich bin also ein Idiot?\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Doktor Wortmann legte seine Handprothese auf die Tischplatte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbSo drastisch w\u00fcrde ich das nicht formulieren. Ausgepr\u00e4gte Rechenschw\u00e4che muss nicht aus einem Mangel an Intelligenz resultieren. Deine Ergebnisse in den sprachlichen Sparten liegen sogar \u00fcber dem Schnitt.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni atmete durch. Idiot. Aber kein Vollidiot.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbKann man das kurieren?\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbM\u00f6glicher Weise.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Doktor Wortmann beugte sich vor und zog den Rest seiner Stirn in Falten. Ein Kriegsversehrter, schweiften Arnis Gedanken ab. Handgranate, tippte er.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbDie Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Empirische Erfahrungen liegen nicht vor, und die Rechenschw\u00e4che hat auch noch keinen spezifischen Namen.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Selbst in diesem Punkt stach Johnny ihn aus, dachte Arni. Der wusste, worunter er litt. Legasthenie \u2013 neues Wort f\u00fcr altes Leiden. War auch nicht witzig. Klang aber bedeutend.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbAllerdings habe ich in den letzten Jahren beobachtet, dass viele Menschen mit Rechenschw\u00e4chen einen guten Zugang zu Musik haben. Ich vertrete die Theorie, dass das Spielen eines Instrumentes mathematische F\u00e4higkeiten verbessert.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Logo, dachte Arni. Noten folgen einer \u00e4hnlichen Grundstruktur wie Algebra, hatte ihm Johnny einmal erkl\u00e4rt: Klare Strukturen, mit denen man richtig rechnen k\u00f6nne. Tonika. Subtonika. Dominante. Viertel. Achtel. Ab und an gew\u00fcrzt durch eine Triole. Soweit zur Theorie. Die beherrschte er mittlerweile halbwegs.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni konzentrierte sich wieder auf den Doktor.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbUm meinen Ansatz zu pr\u00fcfen suche ich Betroffene, die bereit sind, ein Instrument zu erlernen und sich w\u00e4hrend dieser Phase regelm\u00e4\u00dfig mathematischen Tests zu unterziehen. Nach deinen Ergebnissen halte ich dich f\u00fcr einen au\u00dfergew\u00f6hnlich gut geeigneten Kandidaten.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni sp\u00fcrte, dass er Wasser in den Scotch kippen musste.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbIch f\u00fcrchte, Sie \u00fcbersch\u00e4tzen mich. Gitarre spielen w\u00fcrde mich reizen, aber daran habe ich mich schon einmal erfolglos versucht. Au\u00dferdem kann ich mir weder Musikunterricht noch eine vern\u00fcnftige Klampfe leisten\u00ab, versuchte er, sein Gegen\u00fcber zu erden.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dr. Wortmann nickte.<br \/>\n &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbVielleicht solltest du einen zweiten Versuch starten. Und was das Geld angeht bin ich mir sicher, da k\u00f6nnen wir eine L\u00f6sung finden. Noch einmal: Mein Institut und ich sind sehr an deiner Mitarbeit interessiert; das er\u00f6ffnet M\u00f6glichkeiten. Auch finanzielle.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbHei\u00dft das, Sie k\u00f6nnten mir auch ein gutes Instrument beschaffen?\u00ab, versuchte sich Arni an einer \u00dcbersetzung. Erneut nickte Doktor Wortmann.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni beugte sich vor. Es wurde spannend.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Mai zeigte seine frostige Seite, der April schien den kalten Ostwind und die Schauer bei seinem Auszug vergessen zu haben. Arni fr\u00f6stelte. Trotz des ungem\u00fctlichen Wetters fl\u00e4zten sich Bodo und Chuck im \u00e4rmellosen Shirt auf dem nassen Gras. Tough, aber auch ein bisschen bescheuert, dachte Arni, w\u00e4hrend er die letzten Meter zu ihnen \u00fcberbr\u00fcckte. Wollten die harten Kerle spielen, aber auch ihre h\u00fcnenhafte Statur sch\u00fctzte sie nicht vor banalen Erk\u00e4ltungen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die schlechte Laune der beiden konnte Arni nicht \u00fcbersehen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbWo sind die anderen?\u00ab, fragte Arni. Chuck zuckte mit den breiten Schultern.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbTine wollte Johnny von seiner Schicht abholen. Eigentlich m\u00fcssten sie schon lange hier sein. Und Frankie und Manu \u2026\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Frankie und Manu kamen nicht mehr, entnahm Arni den Zeilen, die Chuck ihm in die Hand dr\u00fcckte. Nie mehr. Arnis \u00dcberraschung hielt sich in Grenzen. Inspiriert vom neuen American Style, dieser faszinierenden Mischung aus Fun und Rebellion, hatten sich Chuck, Frankie, Bodo, Manu, Tine und er in einer durchzechten Nacht in den Kopf gesetzt, eine Band zu gr\u00fcnden. Die Hamberrys. Erdigen, konsequenten Rock\u2019n Roll wollten sie spielen. Bodo organisierte Instrumente und Equipment, und sie legten los. Und wie. Wenn sie probten, lie\u00dfen Bodos B\u00e4sse die Scheiben klirren. Sie f\u00fchlten sich als kommende Stars, als deutsche Br\u00fcder von Chuck, von Buddy, von Jerry Lee.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bis Johnny kam. Eines Abends im Oktober stand er im Eingang ihres Probenraums, eine verschrammte Nullachtf\u00fcnfzehn-Wandergitarre in der Hand, und fragte sch\u00fcchtern, ob er mitmachen d\u00fcrfte. Beim ersten Song hielt er mit. Beim zweiten spielte er sie in Grund und Boden. Beim dritten hatte er die F\u00fchrung \u00fcbernommen. Er gab die Tonart vor. Er korrigierte ihre Eins\u00e4tze. Er verz\u00f6gerte. Er trieb. Er f\u00fchrte sie auf die Spur der Feinheiten, die aus einer Aneinanderreihung von Akkorden und L\u00e4ufen Musik machte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er formulierte Anspr\u00fcche und Erwartungen. An denen letztlich Frankie und Manu zerschellten.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das schrieben sie, und das hatte nicht nur Johnny gesehen. Frankie und Manu trafen den Groove nicht. Ihr Tempo schwankte wie ein Schilfrohr im Wind. Oft bekamen sie nicht mit, wenn sie einen Takt \u00fcbersprangen oder Eins\u00e4tze verfehlten. Johnny rastete immer wieder aus, wenn sie ihre Parts absolvierten bis zum Ende, ohne Disharmonien zu erkennen und innezuhalten, um wieder ins Raster zur\u00fcckzufinden.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;F\u00fcr Frankie und Manu war Rock\u2019n Roll nicht Musik, sondern Mode. Sie wollten einen Trend mitmachen und investierten Zeit und Geld lieber in Lederklamotten, grelle Schminke und getunte Karren als in \u00dcbungsstunden und Verst\u00e4rker. Konsequent, dass sie gingen. Und dennoch empfand Arni die Nachricht als Niederlage. Das erste Mal, dass jemand die Gruppe verlie\u00df.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bodo schaltete den Ghettoblaster an. AFN kr\u00f6nte den gebrauchten Tag und spielte ausschlie\u00dflich Balladen. Bodo versuchte, den Mangel an Tempo und Dynamik durch Lautst\u00e4rke zu kompensieren, doch weder diese Brachialkur noch Chucks Selbstgebrannter brachten den Funken zum \u00dcberspringen. Eine Stimmung wie bei einer Beerdigung, schoss es Arni durch den Kopf. Pflichtschuldig tranken sie und brachten ihre Spr\u00fcche, doch Pointen krepierten wie Fehlz\u00fcndungen und produzierten nur bem\u00fchte Lacher.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Minuten dehnten sich wie Kaugummi.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbDa kommt Tine!\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Chucks Ruf klang wie eine Erl\u00f6sung. Arni blickte in die Richtung, in die Chucks ausgestreckter Arm wies. Warum allein, wunderte er sich. Und warum heulte sie?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbIhr m\u00fcsst mitkommen. Johnny hatte \u2019nen Unfall.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tines Gesichtsausdruck w\u00fcrgte jede Frage ab, die durch ihre K\u00f6pfe raste. Bodo, Chuck und Arni folgten Tine im Laufschritt zum Krankenhaus am R\u00fcbenkamp, das Johnny aufgenommen hatte. Schweigend eilten sie durch die wei\u00dfgewandeten Flure mit dem hellblauen Linoleum-Fu\u00dfboden.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnnys Bett stand mitten auf dem Gang. Blutgetr\u00e4nkte Verb\u00e4nde umschlossen seine linke K\u00f6rperh\u00e4lfte von der H\u00fcfte \u00fcber den Arm bis zur Schulter. Der sichtbar geschundene K\u00f6rper sonderte einen aggressiven Geruch von Jod und medizinischem Alkohol ab.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbDanke, dass ihr gekommen seid. Gleich muss ich unters Messer.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbWas ist passiert?\u00ab, wollte Chuck wissen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbKeine Ahnung. Hab\u2019 wohl beim Entladen \u2019nen Eisenhammer abbekommen. Kann mich aber an nichts erinnern.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Einen derart schleppenden Tonfall kannte Arni bei Johnny nicht; er musste massiv unter Bet\u00e4ubungsmitteln stehen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbSehr schlimm?\u00ab, fragte Bodo leise. F\u00fcr einen mehrfach verurteilten Schl\u00e4ger konnte er \u00fcberraschend mitf\u00fchlend sein, wunderte sich Arni.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbH\u00fcfte zertr\u00fcmmert, Hand zerquetscht. Noch Fragen? Sie werden mir wohl zwei Finger amputieren.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnnys sonst so lebendige, vibrierende Stimme sank auf das ausdruckslose Timbre hinunter, das Arni nur zu gut von seiner Mutter kannte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u00bbIch werd\u2019 nie wieder spielen k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aus Johnnys Mund ein Satz wie ein heruntersausendes Fallbeil.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zwei Wochen Reha hatte Johnny nun hinter sich. Noch zwei Wochen, dann trudelte er wieder ein, erinnerte sich Arni. Johnnys Brief kam mit der gleichen Sendung an wie das Paket von Doktor Wortmann. Irgendwie passend.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni riss den Umschlag auf. Die Heilung liefe so weit gut, verk\u00fcndete die altbekannte krakelige, fehlertriefende Schreibe. Er w\u00fcrde aber nie mehr richtig laufen k\u00f6nnen. Zwei Finger hatten sie abgenommen, einer w\u00fcrde steif bleiben. Und das an der Greifhand. Das mit dem Gitarre spielen habe sich erledigt. Aus den Hamberrys w\u00fcrde er ausscheiden.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni legte den Brief ab.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Hamberrys ohne Johnny?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Und Johnny ohne Musik?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny, dessen H\u00fcftschwung an guten Tagen den des Kings in den Schatten gestellt hatte?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny, dessen Finger so geschmeidig \u00fcber die Saiten glitten, dass Buddy vor Neid erblasst w\u00e4re, wenn er es gesehen h\u00e4tte?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny, der den Rock\u2019n Roll so liebte, dass sogar sein Herz in dessen Takt zu schlagen schien?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny, der so beschwingt \u00fcber den Rasen tanzte?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Johnny, der so viel geopfert, so viele Schichten am Kai abgerissen hatte, um sich seinen Traum zu erf\u00fcllen? Die gleiche Gitarre zu spielen wie Chuck Berry? Die legend\u00e4re Gibson ES-350 T?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jenes Instrument, das er sich von Doktor Wortmann als Preis f\u00fcr seine Teilnahme ausbedungen hatte und das er nun aus der Verpackung sch\u00e4lte?<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni hob die Gitarre hoch. Gebraucht, aber kaum genutzt und voll funktionsf\u00e4hig sei sie, hatte Doktor Wortmann ihm versichert. Vorsichtig strich Arni \u00fcber den Korpus, und ihm war, als beginge er ein Sakrileg. Eigentlich, wusste er, geh\u00f6rte sie in eine andere Hand. Eine w\u00fcrdigere Hand. In Johnnys Hand.<\/p>\n<p align=\"justify\">Johnny hatte seine Ankunft f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag angek\u00fcndigt. Zeit f\u00fcr eine letzte Probe.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni f\u00fchrte seine linke Hand \u00fcber Hals und Saiten der Gibson, steckte das Plektron zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten und signalisierte Chuck, dass er bereit war. Chuck schlug die Sticks gegeneinander und gab das Tempo vor.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni konzentrierte sich. Ohne Johnny, hatte er immer gedacht, w\u00e4re die Band zum Scheitern verurteilt war. Ohne ihren musikalischen Mittelpunkt. Ihren Spirit. Und nun hatte ausgerechnet Johnnys Unfall die Lust am Spielen wieder geweckt und die glimmende Flamme des Rock\u2019n Roll wieder in ihnen entfacht; jene Flamme, die er mit seinem Talent und seinen Anspr\u00fcchen beinahe erstickt h\u00e4tte.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sie hatten geprobt, motiviert und konsequent wie nie zuvor. Ein einziges Lied. Stundenlang. Ihr Lied.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nein. Johnnys Lied.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni schlug den ersten Ton an. Er konnte nicht wie Johnny die Finger \u00fcber die Stege huschen lassen, als bes\u00e4\u00dfen sie ein Eigenleben. Er vermochte nicht, Melodien nach Belieben zu verz\u00f6gern oder zu forcieren, ohne den Charakter des Songs zu zerst\u00f6ren. Er versp\u00fcrte keine Ekstase, wenn er die Saiten ber\u00fchrte. Er liebte die Gitarre nicht. Er konnte sie nicht kitzeln. Nicht liebkosen. Nicht streicheln.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Er war kein K\u00fcnstler. Er war ein Malocher. Er hatte ge\u00fcbt, bis das Blut aus den Fingerkuppen troff und Kr\u00e4mpfe in Handballen und Unterarm zogen. Er hatte das Lied nicht erlernt. Er hatte es bezwungen. In den Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten gezw\u00e4ngt. Er spielte es nicht gut. Aber gut genug. Auch das zu erkennen, Grenzen zu akzeptieren, hatte er w\u00e4hrend der letzten beiden Wochen begriffen, erforderte Talent. Sein Talent.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni schlug an. Lie\u00df die T\u00f6ne steigen, fallen, baute mit einem Stakkato Spannung auf, wie er es so oft bei Johnny gesehen und geh\u00f6rt hatte. Dann vier Takte lang ein Ton, abwechselnd auf der G-Saite hochgezogen und auf der H-Saite angeschlagen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tine setzte ein. Ihre raue, treibende Stimme erz\u00e4hlte eine Geschichte. Die Geschichte von einem Jungen aus der N\u00e4he von New Orleans. Eine Geschichte aus Amerika.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aber dort spielte sie nicht wirklich. Sie klang nur so, weil Chuck Berry Johnny nicht kannte. Ihren Johnny. Den wahren Johnny.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Den rothaarigen Johannes Gutmann aus einem kleinen, verschlafenen Winzkaff bei Kellinghusen.<\/p>\n<p><em>Deep down in Louisiana close to New Orleans<br \/>\nway back up in the woods among the evergreens<br \/>\nthere stood a log cabin made of earth of wood<br \/>\nwhere lived a country boy named Johnny B. Goode.<br \/>\nHe never learned to read or write so well.<br \/>\nBut he could play the guitar just like ringing a bell.<br \/>\nGo! Go, Johnny, go go go!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charles Edward Anderson \u00bbChuck\u00ab Berry: Chuck Berry war der Sohn von Henry Berry, dem Diakon einer Baptistenkirche, und Martha Berry, einer Schulleiterin. Eines seiner bekanntesten Lieder, ein Klassiker des Rock\u00b4n Roll, hei\u00dft \u00bbJohnny B. Goode\u00ab. Es hat mich zu diesem Text inspiriert.<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><div id=\"pgc-8848-0-1\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div id=\"panel-8848-0-1-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child\" data-index=\"1\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-8848-0-1-0\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p><strong>Autor: Enzo Asui<\/strong><\/p>\n<p>Biographie <br \/>Enzo Asui wurde 1962 geboren. Seit 2008 ver\u00f6ffentlicht er Kurzgeschichten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><div id=\"panel-8848-0-1-1\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor\" data-index=\"2\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-8848-0-1-1\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p><strong>Bibliographie:<\/strong><\/p>\n<p><em>ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Ende einer Salatsch\u00fcssel <\/strong><br \/>\nin: Enter Sandman. Inspiration Metallica<br \/>\nReihe: AndroSF 34<br \/>\nHerausgeber: Michael Haitel<br \/>\nTaschenbuch, 210 Seiten<br \/>\np.machinery, 14. August 2013<br \/>\nTitelbild: Lothar Bauer<br \/>\nISBN-10: 3942533715<br \/>\nISBN-13: 978-3942533713<br \/>\nErh\u00e4ltlich bei: <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2C1ApPE\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Amazon <\/a><\/p>\n<p><strong>Der Preis der Pianistin <\/strong><br \/>\nin: Die Gro\u00dfe Streifenl\u00fcge. Inspiration Kate Bush<br \/>\nHerausgeber: Michael Haitel<br \/>\nReihe: AndroSF 32<br \/>\np.machinery, August 2013<br \/>\nTaschenbuch, 180 Seiten<br \/>\nCover: Lothar Bauer<br \/>\nISBN-10: 3942533693<br \/>\nISBN-13: 978-3942533690<br \/>\nErh\u00e4ltlich bei: <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2ji4fux\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Amazon <\/a><\/p>\n<p><strong>Zwei Leben <\/strong><br \/>\nin: Hauptsache gesund!<br \/>\nReihe: AndroSF 57<br \/>\nHerausgeber: Ralf Boldt<br \/>\nTaschenbuch, 392 Seiten<br \/>\np.machinery, 29. Februar 2016<br \/>\nCover: Lothar Bauer<br \/>\nISBN-10: 3957650577<br \/>\nISBN-13: 978-3957650573<br \/>\nErh\u00e4ltlich bei: <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2jjZEba\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Amazon<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><div id=\"panel-8848-0-1-2\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-last-child\" data-index=\"3\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-8848-0-1-2\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<p><strong>Disclaimer<\/strong><br \/>Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle \u00c4hnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zuf\u00e4llig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Ver\u00f6ffentlichung dieser Geschichte. <br \/>Freigabe zur Weiterver\u00f6ffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur f\u00fcr \"rockin-and-rollin.de\". F\u00fcr alle weiteren Ver\u00f6ffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbNimm den M\u00fcll mit.\u00ab<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arni wollte aufbrausen, unterlie\u00df es aber angesichts des monotonen Tonfalls seiner Mutter. Ihre Alles-Egal-Stimmung vermieste jeden Spa\u00df am Widerspruch. Die, die niemals lacht, hatte Johnny sie einmal genannt. Dem Krieg konnte sie nicht verzeihen, dass er seinen Vater in seinen blutigen Rachen gesogen hatte. Den Russen auch nicht. Dem F\u00fchrer schon.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Widerwillig ergriff Arni die nach Nikotin und benutzten Kondomen stinkende Plastikt\u00fcte und warf sie beim Hinausgehen in die Blechtonne neben der Treppe, die in ihre muffige Eineinhalb-Zimmer-Bleibe im Souterrain f\u00fchrte. Befreit atmete er durch, als er den B\u00fcrgersteig betrat.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die H\u00e4nde in den Taschen humpelte Arni die Fuhle entlang. H\u00fcte tragende Spie\u00dfer mit Anzug und Aktentasche ignorierten bettelnde Kriegsversehrte auf dem Trottoir. Als ob sich diese Stadt nicht zwischen Elend und Wirtschaftswunder entscheiden konnte. Dazwischen hastende Frauen mit quengelnden Kindern an der Hand. Arni hielt nicht viel von Fr\u00f6mmigkeit und mied die Kirche wie der Teufel das Weihwasser, aber die verbreiteten Hektik, die hatten die Bedeutung eines Sonntags \u00fcberhaupt nicht kapiert.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"episode_type":"","audio_file":"","cover_image":"","cover_image_id":"","duration":"","filesize":"","date_recorded":"","explicit":"","block":"","filesize_raw":"","footnotes":""},"categories":[456,12],"tags":[457],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8848"}],"version-history":[{"count":44,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8919,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8848\/revisions\/8919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.rockin-and-rollin.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}